t>

Der Marburger Bund, ein führender Ärzteverband, fordert ein Verkaufsverbot für Schnaps in Supermärkten und an Tankstellen. Stattdessen sollen lizenzierte Verkaufsstellen eingerichtet werden. Dr. Gernot Rücker, Anästhesist und Suchtmediziner an der Universitätsmedizin Rostock, unterstützt diese Forderung nachdrücklich: „Die kleine Flasche an der Tankstelle ist kein harmloser Spontankauf, sondern der schnellste Weg, den Alkoholpegel hochzufahren.“ Wer zur Tankstelle fahre und dort für zehn Euro tanke und dann noch schnell zwei kleine Flaschen Schnaps mitnehme, habe ziemlich sicher ein Alkoholproblem. Häufig würden die Flaschen noch direkt auf dem Gelände geleert.
Ein Verkaufsverbot würde laut Rücker vor allem trockenen Alkoholikern helfen. Supermarktkassen und Tankstellen seien für sie Dauer-Trigger: „Dort können sie ihren Stoff schnell nebenbei mitnehmen, ohne dass sie groß auffallen.“ Müssten Betroffene dagegen immer einen speziellen Laden aufsuchen, wäre das anders – und würde auch dem Umfeld auffallen. Als Beispiel nennt der Mediziner das Lachgas: Ein Verkaufsverbot von großen Flaschen am Kiosk habe gewirkt, heute seien nur noch kleine Sahneflaschen erhältlich, sodass der Aufwand zum Rausch groß sei.
Der Marburger Bund will zudem das sogenannte begleitete Trinken abschaffen. Dass Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren unter Aufsicht eines Erwachsenen Bier, Wein oder Sekt trinken dürfen, nennt Rücker „kompletten Unsinn, zumal dann, wenn der Erwachsene selbst trinkt und die eigene Kontrolle verliert. Das ist noch ein Relikt aus einer anderen Zeit.“ Studien der WHO und des Bundesgesundheitsministeriums belegten eindeutig, dass ein Werbeverbot den Alkoholkonsum beschränken würde.
Trotz solcher Erkenntnisse bleibt Alkohol allgegenwärtig, etwa als Hauptsponsor der ARD-„Sportschau“ durch Krombacher. Rücker betont jedoch: „Ein Werbeverbot allein reicht nicht; wirksame Alkoholpolitik läuft über Preis und Verfügbarkeit.“ Bei Zigaretten sei es meist der hohe Preis, der den letzten Impuls zum Aufhören gebe. Ein umfassender Ansatz sei nötig.
Im europäischen Vergleich ist Alkohol in Deutschland weiterhin sehr billig. Rücker erklärt dies mit der politischen Zurückhaltung: „Aus Umfragen wissen wir, dass nur etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung abstinent leben. 80 Prozent der Menschen trinken zumindest gelegentlich ein Glas Bier oder Wein. Politiker scheuen daher strengere Maßnahmen aus Angst, Wählerinnen und Wähler zu verprellen.“
Auf die Frage, ob Trinken damit Volkssport bleibe, antwortet der Mediziner: „Ich will niemandem das Glas Bier oder Wein verbieten, aber der Schritt vom Feierabendbier zum Alkoholiker ist kurz und kostet erschreckend wenig Geld.“ Beim jetzigen Discountpreis reiche das Geld für einen ganzen Monat Rausch. „Wenn eine Flasche Schnaps 30 Euro kostet, ist nach einer Woche Schluss. Neben dem persönlichen Schicksal hat der Alkoholmissbrauch auch eine enorme volkswirtschaftliche Dimension.“
Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden sind gravierend. Rücker erklärt: „Alkohol ist kein Rauschmittel wie Cannabis, das an bestimmten Rezeptoren im Gehirn ansetzt und high macht. Alkohol ist ein Zellgift, er verursacht rund 200 Krankheiten und führt zu etwa 75.000 Todesfällen im Jahr.“ Die Kosten durch Arbeitsausfälle, Krankenhausaufenthalte und Therapien belaufen sich auf rund 57 Milliarden Euro jährlich – bei Einnahmen aus der Alkoholsteuer von lediglich 3,2 Milliarden Euro.
Angesichts dieser Bilanz fordert Rücker konsequente Maßnahmen: höhere Preise, eingeschränkte Verfügbarkeit und eine ehrliche Debatte über die gesellschaftlichen Folgen. Nur so lasse sich der Alkoholmissbrauch wirksam bekämpfen – ohne den Genuss an sich zu verbieten.
