
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat die IT-Sicherheit öffentlich zugänglicher Ladenetze untersucht und kommt zu einem alarmierenden Befund: Zentrale Normen wie UNECE R 155 entsprechen zwar in vielen Bereichen dem Stand der Technik, doch Entwarnung gibt es nicht.
Werden Elektroautos an öffentlichen Ladestellen geladen, kommt zur Strom- auch eine Datenverbindung. Diese kann als Einfallstor für Angriffe auf die Ladestation, das Stromverteilnetz oder dessen Steuersysteme sowie das angeschlossene E-Auto dienen.
Zu den möglichen Angriffspunkten an den annähernd 150.000 Normal- und 50.000 Schnellladesäulen in Deutschland zählt beispielsweise ein Bug im Open Charge Point Protocol 2025. Das weit verbreitete Protokoll gilt hinsichtlich Authentifizierung und Session Handling als anfällig und ist uneinheitlich implementiert.
„In der praktischen Umsetzung werden jedoch zahlreiche Sicherheitsmechanismen – etwa Transportverschlüsselung, Sperrlisten oder moderne kryptographische Verfahren – häufig nur eingeschränkt oder optional implementiert, teilweise aus Gründen der Abwärtskompatibilität“, heißt es in dem 65 Seiten starken BSI-Bericht.
Die Maßnahmen seien nur „gering verbreitet“, weiterhin würden proprietäre Protokolle verwendet. Es gebe daher den „Bedarf eines grundlegenden Paradigmenwechsels hin zu verpflichtendem Security-by-Design und Security-by-Default.“ Und das nicht erst seit kurzem.
Laut den BSI-Fachleuten ist bislang lediglich ein Ausschnitt des Problems genauer untersucht. „Deutliche Schwachstellen“ gebe es etwa in den Systemen der Ladestationenbetreiber. Auch die zentrale Verwaltung der Zertifikate für Kommunikation und Identifikation sei problematisch.
„Kompromittierungen einzelner Vertrauensanker können weitreichende Folgen für die gesamte Ladeinfrastruktur und deren Vertrauenswürdigkeit haben“, schreibt die Behörde.
Wenn Teile des Systems kompromittiert werden und etwa die Ladekommunikation gestört wird, kann das physikalische Folgen haben – am E-Auto, an der Ladestation oder sogar im Stromnetz. „Ob und in welchem Umfang Schäden wie Bauteilschädigungen oder thermische Überlast auftreten können, hängt dabei wesentlich davon ab, ob die entsprechenden Komponenten eigensicher konzipiert sind und sich selbst gegen Überspannungen oder zu hohe Stromflüsse absichern“, beschreiben die IT-Sicherheitsfachleute.
„Falls zeitgleich mehrere oder weitreichende Verbindungen von Angriffen betroffen sind, kann dies im schlimmsten Fall die Netzstabilität gefährden.“ Etwa, wenn das lokale Netz eines Ladehubs gezielt angegriffen würde. Schon lange ist bekannt, dass Botnetze durch koordinierte Beeinflussung des Stromverbrauchs Teile des kontinentaleuropäischen Stromnetzes zusammenbrechen lassen könnten.
Und das Problem wird größer, warnt das BSI: „Durch die Einführung von bidirektionalem Laden wird der Effekt um ein Vielfaches verstärkt.“ Solange das Laden nur unidirektional zum Auto ablief, war das für die Stromnetze kein direktes Problem. Doch mit skalierender, gezielter oder fehlgeleiteter Einspeise- und Ausspeisesteuerung wächst die Gefahr.
Der Verband der Automobilhersteller (VDA) zeigt sich bewusst: „Durch Plug & Charge und das bidirektionale Laden entstehen neue Anforderungen an sichere Kommunikation, Authentifizierung und Zertifikatsmanagement.“ Jedoch sei IT-Sicherheit bei den Herstellern „konsequent in Entwicklungs- und Produktionsprozesse integriert“, sagte ein Sprecher zu heise online. Entscheidend sei, Sicherheitsstandards interoperabel und entlang der gesamten Wertschöpfungskette umzusetzen.
Die Strombranche sieht ebenfalls Risiken, aber „keinen Grund für Alarmismus (…) Es hat im Lademarkt nach unserem Kenntnisstand bisher keine gravierenden Sicherheitsvorfälle gegeben, die gegenüber dem BSI meldepflichtig sind“, sagt Kerstin Andreae vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Sie plädiert für klarere Regelungen, da unterschiedliche Vorschriften für Autos, Ladesäulen und virtuelle Kraftwerke parallel greifen. „Für den Hochlauf des Massenmarktes stellt sich daher die Frage, welche nachhaltig tragfähigen, pragmatischen Lösungsansätze im europäischen Binnenmarkt verfolgt werden können.“ Der BDEW fordert bessere Abstimmung ohne Sonderwege und Doppelregulierung. Wären alle Ladesäulen ferngesteuert, kämen 8,5 Gigawatt steuerbare Leistung zusammen – ein Viertel mehr als vor einem Jahr. Das Bundesverkehrsministerium hat dazu bislang keine Initiative gezeigt.
