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Die Digitalisierungsdebatte in Deutschland ist allgegenwärtig, doch wie steht es tatsächlich um den Mittelstand? Diese Frage beleuchtet Kathleen Fritzsche in ihrer Kolumne und zeigt ein ambivalentes Bild.
Studien wie die von Etventure oder Frank Thelen prognostizieren eine digitale Apokalypse, während andere dem Mittelstand ein positives Zeugnis ausstellen. Auf jeder Tech-Konferenz gibt es Panels zum drohenden Anschlussverlust.
Seit mindestens zehn Jahren wird in der deutschen Wirtschaft über die digitale Transformation gesprochen – aber hat sich substanziell etwas verändert? Wo bleiben Vorzeigeunternehmen, die innovative Produkte entwickeln und global denken?
Der Mittelstand spielt eine Schlüsselrolle: Laut Statistischem Bundesamt generiert er 30 Prozent des Umsatzes und beschäftigt 69 Prozent der Erwerbstätigen. Dennoch haftet ihm im Vergleich zur Startup-Szene ein verstaubtes Image an.
Der deutsche Mittelstand ist zugleich Rückgrat und empfindliche Stelle der Wirtschaft. Seine Herausforderungen sind vielfältig und tiefgreifend.
Führungskräfte vieler Unternehmen stehen kurz vor der Rente, wodurch die Beschäftigung mit neuen Technologien im Tagesgeschäft hintenüberfällt. Hinzu kommen große Nachfolgeprobleme.
Besonders wenn Unternehmen nicht in Familienhand sind oder die nächste Generation nicht übernehmen will, geraten Geschäftsführer in Bedrängnis. Laut DIHK kommt auf fünf Senior-Inhaber nur ein Nachfolgeinteressent.
Bundesländer wie Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt versuchen daher, die Unternehmensnachfolge für Jüngere wieder attraktiv zu machen. Programme und Initiativen sollen dem Fachkräftemangel entgegenwirken.
Mittelständler sind oft Weltmarktführer in Nischen, die der Öffentlichkeit unbekannt sind. Die Dörkengroup produziert seit 125 Jahren Farben und Foliensysteme, die Huber Kältemaschinenbau AG Thermostate und Kühlsysteme.
Befragt man diese Unternehmen zu ihren Digitalisierungsplänen, wissen viele nicht, wie sie die digitale Transformation auf ihre Situation anwenden sollen. Hemmnisse wie Datenschutz, Sicherheit, hohe Betriebskosten und mangelnde IT-Kompetenz werden genannt.
Alte Systeme dominieren Prozesse und Distribution. Der Vertrieb läuft oft noch über Vertreter mit gedruckten Bestellkatalogen. Neue Geschäftsmodelle und die Chancen der Globalisierung bleiben so auf der Strecke.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist die Bereitschaft der Führungsebene, finanzielle Risiken für neue Geschäftsfelder einzugehen. Das ist leichter gesagt als getan, denn Veränderung macht Angst.
Im Zuge der digitalen Entwicklung müssen Entscheider aus ihrer Komfortzone treten und offen für neue Ideen sein. Nur so können Unternehmen langfristig wettbewerbsfähig bleiben.
Es ist essenziell, dass Firmen weitreichende IT-Kompetenz aufbauen – auch wenn Technologie nicht zum Kerngeschäft gehört. Diese Kompetenz brauchen sie dringend, um zukünftige Herausforderungen zu meistern.
Zudem müssen sie geeignete Fachkräfte finden und halten. Attraktive Gehälter allein genügen nicht; eine positive Unternehmenskultur und Umgebung sind entscheidend für Mitarbeiterbindung.
Eine Checkliste kann helfen: Haben Mitarbeiter mobilen Zugriff auf CRM, ERP und Business Intelligence? Gibt es Tools wie Slack für effizientere Kommunikation?
Wofür wird Excel eingesetzt, und gibt es bessere Alternativen? Welche On-Premise-Lösungen könnten in die Public Cloud umziehen? Diese Fragen offenbaren Digitalisierungspotenziale.
Abschließend müssen Mittelstandsvertreter Lobbyarbeit bei politischen Entscheidern betreiben, für mehr Unterstützung werben und sich für bessere Internetgeschwindigkeiten einsetzen – Deutschland liegt im globalen Vergleich weit hinten.
Dennoch wagen sich einige Mittelständler ins Neuland. Sie gehen Risiken mit ihrem laufenden Geschäft ein, um zukunftsweisende Technologien zu erschließen.
Ein Beispiel ist Werkzeug Weber in Aschaffenburg. Das Familienunternehmen in dritter Generation setzt auf einen Onlineshop und eine Werkzeug-Mietbox, die rund um die Uhr verfügbar ist.
Damit bewegt es sich weg vom klassischen Ladengeschäft hin zum Fullservice-Anbieter – ein Plus für Berufstätige, die zu normalen Öffnungszeiten nicht einkaufen können.
Zudem arbeitet das Unternehmen daran, attraktiver für Mitarbeiter zu werden und seine Werte im Alltag zu leben. Dieser ganzheitliche Ansatz ist vorbildlich.
Es wird noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis die Mehrheit der Betriebe den richtigen Digitalisierungsweg gefunden hat. Doch Zurückschrecken und Ignorieren ist keine Option.
Denn mit ihrer Risikoaversion öffnen deutsche Mittelständler genau jene Hintertüren, durch die ausländische Wettbewerber ihnen die Weltmarktführerschaft streitig machen könnten.
Die digitale Transformation muss auch intern stattfinden. Externe Prozesse zu digitalisieren funktioniert nur, wenn sie zuvor in der Unternehmenskultur verankert sind.
Nur so können Unternehmen die Chancen der Globalisierung nutzen und neue Geschäftsfelder erschließen. Der Wandel erfordert Mut und Entschlossenheit auf allen Ebenen.
Viele Mittelständler erkennen die Dringlichkeit inzwischen. Sie investieren in Cloud-Lösungen, automatisieren Abläufe und schulen ihre Mitarbeiter – doch der Weg ist noch weit.
Politische Rahmenbedingungen müssen verbessert werden: schnellere Netze, weniger Bürokratie, mehr Förderung für Digitalisierungsprojekte. Ohne diese Unterstützung bleibt der Anschluss gefährdet.
Die Beispiele erfolgreicher Transformation zeigen, dass es möglich ist. Entscheidend ist der Wille, Altes hinter sich zu lassen und Neues zu wagen – trotz aller Risiken.
Der deutsche Mittelstand steht an einem Scheideweg. Entweder er nutzt die Chance der Digitalisierung aktiv oder er verliert seine führende Position. Die Zeit drängt.
Mit einer klaren Strategie, fokussierten Investitionen und einer offenen Unternehmenskultur kann der Mittelstand die digitale Transformation meistern und seine Stärken ausspielen.
