t>

Die Google-Suche steht vor einem grundlegenden Umbau: Das Unternehmen plant, ihre Kernfunktion zunehmend mit großen Sprachmodellen zu verschmelzen. Unser Autor warnt: Das gefährdet nicht nur die Nutzererfahrung, sondern auch Googles eigenes Geschäftsmodell.
Erinnern Sie sich an die MTV-Sendung „Pimp my Ride“? Rapper Xzibit verwandelte Schrottkarren in Luxusfahrzeuge – und stopfte sie mit oft sinnlosen Accessoires wie Aquarien oder Billardtischen voll. Dieses Prinzip, Produkte gegen den Willen der Nutzer mit immer mehr Funktionen zu überladen, lebt heute in der Tech-Branche wieder auf: Generative KI wird in jedes erdenkliche Tool eingebaut.
Für mich ist dieser Trend die moderne Entsprechung des „Yo Dawg“-Memes. Die Ankündigungen der diesjährigen Google I/O zeigen: Die Product Manager des Konzerns sind offenbar große Fans dieses Konzepts.
KI-Übersichten in der Suche sind vermutlich nicht aus einem tatsächlichen Nutzerwunsch entstanden. Ob und wie sie verwendet werden, bleibt unklar. Laut CEO Sundar Pichai hat das Feature zwar 2,5 Milliarden aktive monatliche Nutzer – das liegt aber auch daran, dass es laut einer Ahrefs-Analyse aus November 2025 bei durchschnittlich 20 Prozent aller untersuchten Anfragen erscheint. Bei Suchanfragen mit mehr als sieben Wörtern sind es sogar 46 Prozent.
Ob Nutzer diese Funktion nun wollen oder ablehnen: Sie müssen sie in vielen Fällen trotzdem sehen. Google scheint das jedoch nicht zu reichen.
Die normale Suchleiste, lange Zeit KI-frei, wird nun schrittweise in eine Suchbox mit Chatbot-Anbindung verwandelt. Das Ergebnis ähnelt bald einer ChatGPT-Eingabemaske. Das ist zunächst nachvollziehbar: KI-Chatbots werden laut internen OpenAI-Auswertungen für ChatGPT sowie einer aktuellen TÜV-Studie hauptsächlich zum Sammeln von Informationen genutzt.
In der Theorie ergibt es also Sinn, beides zu vereinen – vor allem für ein Unternehmen wie Google, das bei Suche und Online-Werbung dominiert. Die EU verhängte 2025 eine Milliardenstrafe gegen Google, weil es sich im Adtech-Bereich selbst bevorzugt.
Trotz dieser Strafe treibt Google die Verschmelzung von generativer KI und Suchfunktionen weiter voran. Menschen sollen dabei immer weniger eine Rolle spielen.
In Zukunft sollen KI-Agenten eigenständig Suchen durchführen – vorausgesetzt, Nutzer zahlen für ein Pro- oder Ultra-Abo. Always-On-Modelle wie Gemini Spark sollen unser gesamtes Leben organisieren. Auch das Onlineshopping will Google revolutionieren.
Für mich klingt das so, als wolle der Konzern alle möglichen Funktionen, die die Konkurrenz bereits in verschiedenen Facetten anbietet, in sein Suchprodukt quetschen und seine Marktmacht weiter ausbauen. Dabei ist die Idee an sich gar nicht schlecht.
Denn die Google-Suche ist seit Jahren kaum noch benutzbar. Die alte Maxime der „Ten Blue Links“ ist längst Vergangenheit. Heute sind Suchergebnisseiten zugepflastert mit Google-eigenen Widgets, verwandten Suchen, YouTube-Videos und jetzt auch KI-Übersichten.
Eine aufgeräumtere Sucherfahrung wäre wünschenswert. Nur ist generative KI, die noch immer fehleranfällig ist und zum Fabulieren neigt, der falsche Weg. Vor allem könnte sich dieser Weg für Google als geschäftsschädigend erweisen.
Im Fiskaljahr 2025 erzielte der Tech-Konzern rund drei Viertel seines Umsatzes mit Anzeigen – mehr als die Hälfte davon im Kontext der Online-Suche. Wenn künftig Suchagenten das Netz durchkämmen und kein Mensch mehr normale Suchmaschinenwerbung sieht oder darauf klickt, könnte Google sich selbst kannibalisieren.
Hinzu kommen die Kosten: Gemini 3.5 Flash, der neue Standard für den KI-Modus, verursacht laut Artificial Analysis rund fünfmal so hohe Kosten wie Gemini 3 Flash. Das dürfte die Rechnung zusätzlich belasten.
In der Theorie ließe sich das ausgleichen – etwa durch eingebaute Werbeanzeigen in KI-Antworten oder Agenten-Reports. Dafür könnte Google dann Werbekunden zur Kasse bitten, ähnlich wie OpenAI, das Werbeeinblendungen bei Gratisnutzern von ChatGPT testet.
Doch von diesem Modell sind Werber noch nicht restlos überzeugt. Zudem droht ein Vertrauensverlust: Gemini soll bald in alle Suchanfragen eingebunden sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sensible Chats oder Daten aus Google Drive, Mails oder Kalendereinträgen in die Suche einfließen.
Die enge Verzahnung der Apps im Google-Ökosystem wird so zur Datenschutzfalle. Dass Google die Chance ergreift, seine normalen Suchalgorithmen zu verbessern, bleibt ein Wunschtraum.
Ironischerweise ist der KI-Fokus ein Eingeständnis von Google selbst, dass seine Suchfunktion unattraktiv geworden ist. Wenn man wie früher vernünftige Ergebnisse bekäme, bräuchte es keine Suchagenten, die KI-Slop und Content-Farmen herausfiltern.
Zu „Don’t be evil“-Zeiten war Google eine Art Wächter des Internets – bemüht, sinnvolle Inhalte auszuspielen und guten Content zu belohnen. Diese Wächterfunktion sollen nun Gemini und KI-Suchagenten übernehmen.
Für mich ist das eine klare Entmündigung der Nutzer und ein weiterer Sargnagel für die Idee eines freien, offenen Internets. Denn das lebt von Inhalten und Perspektiven unterschiedlichster Erzeuger. Eine Zusammenfassung durch einen KI-Chatbot kann das niemals ersetzen.
