
Der juristische Schlagabtausch zwischen den chinesischen Online-Plattformen Shein und Temu hat am Montag vor dem Londoner High Court begonnen. Shein wirft dem Rivalen Urheberrechtsverletzungen „im industriellen Maßstab“ vor, während Temu entgegnet, Shein nutze die Vorwürfe, um den Wettbewerb zu unterbinden.
Der Prozess gewährt Beobachtern zufolge seltene Einblicke in die Lieferketten beider Unternehmen und zeigt, wie die Anbieter von Ultra-Fast-Fashion um Lieferanten und sich überschneidende Produktionsnetzwerke konkurrieren.
Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, wird der Ausgang des Rechtsstreits Auswirkungen auf die jeweiligen Lieferantenbeziehungen haben und wohl auch auf europäische Einzelhändler. Schätzungen zufolge kosten Temu und Shein allein den deutschen Einzelhandel mehrere Milliarden Euro. Der Handelsverband HDE brachte in einem Brandbrief an den Bundeskanzler bereits einen Importstopp ins Spiel.
Shein verklagte Temu im Jahr 2023; Temu reichte im darauffolgenden Jahr eine Gegenklage ein. Beide Unternehmen fordern Schadenersatz für mutmaßlich durch die Gegenseite verursachte Verluste.
Shein wirft Temu vor, Tausende Fotos der Shein-Website verwendet zu haben, um auf der eigenen Website für Kopien von Sheins Eigenmarkenkleidung zu werben. „Dies war ein Versuch, einem bestehenden Marktteilnehmer einen Schritt voraus zu sein, und Temu hat versucht, sich einen unfairen Vorteil zu verschaffen“, sagte Sheins Anwalt Benet Brandreth laut der Nachrichtenagentur Reuters.
Die Anwälte von Temu wiesen die Vorwürfe zurück. Die Händler, die für die Verwendung der Bilder verantwortlich gewesen seien, hätten über die erforderlichen Zustimmungen verfügt, erklärten sie. Der Fall habe nichts mit Urheberrechtsschutz von Fotografien zu tun, sondern „drehe sich einzig und allein um den Versuch der Klägerin, den legitimen Wettbewerb zu unterdrücken“, erklärte Temus Anwältin Charlotte May.
In seiner Gegenklage fordert Temu Schadenersatz, da das Unternehmen nach einer von Shein erwirkten einstweiligen Verfügung Tausende Produktangebote entfernen musste. Temu behauptet zudem, Shein habe gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen, indem es Fast-Fashion-Lieferanten an Exklusivverträge gebunden habe. Laut Reuters soll dieser Teil des Verfahrens im kommenden Jahr vor Gericht verhandelt werden.
Shein und Temu haben in den vergangenen Jahren mit Fast-Fashion-Mode, Sportartikeln und Gadgets international schnell expandiert. Doch die Aufhebung der Zollbefreiung in den USA im vergangenen Jahr für Kleinsendungen mit geringem Warenwert könnte das künftige Wachstum der E-Commerce-Plattformen belasten.
Im Februar beschloss auch die Europäische Union ein Ende der bisherigen Zollbefreiung für Kleinsendungen unter 150 Euro Warenwert. Mit Inkrafttreten der Regelung ab Juli 2026 wird das Bestellen bei Online-Riesen wie Temu oder Shein in der EU teurer.
Darüber hinaus leitete die EU-Kommission eine formale Untersuchung gegen Shein ein. Der Anbieter könnte seine Pflichten verletzt haben. Die irische Datenschutzbehörde untersucht derweil, ob Shein europäische Nutzerdaten illegal und ohne ausreichenden Schutz nach China übermittelt.
